
Wenn wir am 3. Oktober die Deutsche Einheit begehen, denke ich an die Menschen, die 1989 den Mut hatten, für Freiheit und Selbstbestimmung auf die Straße zu gehen. An Freudentränen, wiedervereinte Familien und die Hoffnung auf ein gemeinsames Deutschland.
Das verdient unseren Respekt und unsere Dankbarkeit.
Doch 35 Jahre später frage ich mich: Wie geeint sind wir wirklich?
Der Soziologe Steffen Mau beschäftigt sich in seinem Buch „Ungleich vereint: Warum der Osten anders bleibt“ mit den fortbestehenden Unterschieden zwischen Ost und West. Die Wiedervereinigung hat gemeinsame politische Strukturen geschaffen. Doch gesellschaftliche Erfahrungen, wirtschaftliche Unterschiede und unterschiedliche Perspektiven sind damit nicht einfach verschwunden.
Und heute? Die politische Lage in unserem Land lässt die Mauer symbolisch wieder aufleben – diesmal in Form einer Farbe.
Erneut werden Menschen aus Ostdeutschland pauschal beurteilt. Wieder schwingt in Debatten das Bild vom „dummen Ossi“ mit. Als ließen sich die politischen Einstellungen und Lebenserfahrungen von Millionen Menschen auf ein einziges Klischee reduzieren.
Das macht mich nachdenklich. Denn wer Menschen aufgrund ihrer Herkunft abwertet, schafft neue Gräben, statt bestehende zu überwinden.
Natürlich müssen wir über politische Entscheidungen, gesellschaftliche Entwicklungen und demokratische Verantwortung kritisch diskutieren können. Aber diese Kritik darf nicht in pauschale Abwertung umschlagen. Wer ernsthaft verstehen will, warum Menschen unterschiedlich denken und wählen, muss bereit sein, ihnen zuzuhören – auch dann, wenn ihre Sichtweisen den eigenen widersprechen.
Einheit bedeutet nicht, dass wir alle gleich denken müssen. Einheit bedeutet, dass wir einander trotz unterschiedlicher Erfahrungen und Überzeugungen mit Respekt begegnen.
Als Kommunalpolitikerin ist mir wichtig, dass Menschen sich gehört fühlen und ihre Anliegen ernst genommen werden. Demokratie lebt vom Austausch, vom Widerspruch und von der Bereitschaft, andere Perspektiven auszuhalten. Sie lebt nicht davon, Menschen in Schubladen zu stecken.
35 Jahre nach der Wiedervereinigung sollten wir deshalb nicht nur fragen, was uns noch trennt. Wir sollten uns auch fragen, welchen Anteil wir selbst daran haben, dass diese Trennlinien bestehen bleiben.
Ich wünsche mir ein Deutschland, in dem die Herkunft nicht zum Vorurteil wird. In dem wir Unterschiede anerkennen, ohne Menschen gegeneinander auszuspielen. Und in dem wir uns wieder stärker auf das besinnen, was uns verbindet.
Die Mauer ist gefallen. Sorgen wir gemeinsam dafür, dass sie nicht in unseren Köpfen und im gesellschaftlichen Miteinander neu errichtet wird.
Lasst uns die Deutsche Einheit feiern – und zugleich den Mut haben, ehrlich darüber zu sprechen, was noch vor uns liegt.






