Sehr geehrter Herr Klingbeil,
in einem TV-Interview nehmen Sie Bezug auf den Anstieg der Teilzeitbeschäftigung und sprechen von möglichen politischen Maßnahmen, um dieses „Problem“ zu lösen. Erlauben Sie mir, Ihnen an dieser Stelle etwas Arbeit abzunehmen – auch wenn Sie dafür bezahlt werden und ich nicht: Vielleicht lohnt sich zunächst ein genauerer Blick darauf, warum immer mehr Menschen überhaupt in Teilzeit arbeiten und welche Realität hinter diesen Zahlen steht.
Scheinbar ist es für Sie ziemlich schwierig, die Vielzahl an Zahlen und Statistiken, die notwendig sind, um sich ein vollständiges Bild zu diesem Thema zu machen, zusammenzuführen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Vielleicht liegt genau darin das eigentliche Problem: dass vorschnell politische Antworten formuliert werden, bevor die Lebensrealitäten der Menschen, die hinter diesen Zahlen stehen, überhaupt ernsthaft betrachtet wurden.
Fangen wir mal an:
- 16,88 Millionen Beschäftigte in Deutschland arbeiten nicht in Vollzeit (das sind 39,9 Prozent). Die Teilzeitquote erreichte mit 40,1 % im zweiten Quartal 2025 ein Rekordhoch.
- Allerdings arbeiteten diese Teilzeitbeschäftigten in der Woche etwas mehr als im Vergleich zum Vorjahr 2024.
- fast jede zweite erwerbstätige Frau (49–50,3 %) in Teilzeit arbeitete, verglichen mit nur etwa 12–13,4 % der Männer.
- Mütter weiterhin seltener erwerbstätig als Väter, aber Anteil erwerbstätiger Mütter seit 2005 deutlich gestiegen
- Ein Grund dafür ist laut IAB, dass die Beschäftigung in Branchen mit einem hohen Teilzeitanteil, wie dem Gesundheits- und Sozialwesen, zugenommen hat. In Branchen mit einem hohen Vollzeitanteil wie der Industrie ging diese gleichzeitig zurück.
- Gründe für Teilzeit bei Frauen: 4% keine Vollzeitanstellung gefunden, 4% Krankheit oder Behinderung, 29% Care-Arbeit/Betreuung von Angehörigen (Kinder, Menschen mit Behinderungen oder pflegebedürftige Personen), 8% Aus- und Weiterbildung, 29% Wunsch nach Teilzeit, 26% andere Gründe
- Bei Männern: 6% keine Vollzeitanstellung gefunden, 25% Wunsch nach Teilzeit, 8% Krankheit oder Behinderung, 7% Care-Arbeit/Betreuung der Angehörigen (Kinder, Menschen mit Behinderungen oder pflegebedürftige Personen), 21% Weiterbildung, 33% andere Gründe
- Insbesondere aktiv Erwerbstätige mit Kind(ern) im Haushalt verweisen vorrangig auf Care-Arbeit bzw. familiären Verpflichtungen als Grund für ihre Teilzeittätigkeit.
- Hohe unfreiwillige Teilzeitbeschäftigung im Handel, Verkehr und Gastgewerbe
Aus den vorliegenden Zahlen lassen sich einige zentrale, belastbare Schlussfolgerungen zur Teilzeitarbeit ziehen – und zwar deutlich differenzierter, als es die politische Debatte oft abbildet:
- Teilzeit ist kein Randphänomen mehr, sondern strukturelle Realität
Mit rund 40 % Teilzeitquote handelt es sich nicht um eine „Abweichung vom Normalfall“, sondern um einen festen Bestandteil des deutschen Arbeitsmarktes. Wer hier pauschal von einem „Problem“ spricht, verkennt, dass sich die Arbeitswelt bereits grundlegend verändert hat. - Der Anstieg ist nicht primär Ausdruck sinkender Arbeitsbereitschaft
Die Tatsache, dass Teilzeitbeschäftigte im Schnitt sogar mehr Stunden arbeiten als im Vorjahr, spricht gegen die These, dass Menschen sich generell aus dem Arbeitsmarkt zurückziehen. Vielmehr zeigt sich: Teilzeit wird durchaus mit substanziellem Arbeitsumfang gelebt. - Der Arbeitsmarkt verschiebt sich strukturell – nicht individuell
Der Zuwachs an Teilzeit hängt stark mit dem Wachstum von Branchen wie dem Gesundheits- und Sozialwesen zusammen – also genau den Bereichen, die politisch gewollt ausgebaut werden. Gleichzeitig schrumpfen klassische Vollzeitbranchen wie die Industrie. Das bedeutet: Die Teilzeitquote steigt auch deshalb, weil sich die Wirtschaftsstruktur verändert – nicht nur, weil individuelle Entscheidungen anders ausfallen. - Teilzeit ist in vielen Fällen eine Folge von Care-Arbeit, nicht von „Bequemlichkeit“
Insbesondere bei Frauen zeigt sich klar: Ein erheblicher Anteil arbeitet wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen in Teilzeit.
Auch bei Erwerbstätigen mit Kindern im Haushalt ist Care-Arbeit der dominante Grund. Teilzeit ist hier keine freie Lifestyle-Entscheidung, sondern eine direkte Folge unzureichender Betreuungs- und Pflegeinfrastruktur. - Deutliche Geschlechterunterschiede bleiben bestehen
Während etwa jede zweite Frau in Teilzeit arbeitet, betrifft dies nur rund jeden achten Mann. Gleichzeitig nennen Männer deutlich seltener Care-Arbeit als Grund. Das verweist auf eine weiterhin ungleiche Verteilung von Sorgearbeit – mit direkten Auswirkungen auf Erwerbsbiografien. - Ein relevanter Teil der Teilzeit ist unfreiwillig
Insbesondere in Branchen wie Handel, Verkehr und Gastgewerbe gibt es überdurchschnittlich viel unfreiwillige Teilzeit.Hier liegt tatsächlich ein arbeitsmarktpolitisches Problem vor – allerdings ein sektorales, kein gesamtgesellschaftliches. - Teilzeit ist auch Ausdruck veränderter Lebensentwürfe
Ein signifikanter Anteil – sowohl bei Frauen als auch bei Männern – gibt an, bewusst in Teilzeit arbeiten zu wollen.
→ Das zeigt: Neben strukturellen Zwängen gibt es auch einen kulturellen Wandel hin zu anderen Prioritäten (z. B. Vereinbarkeit, Weiterbildung, Lebensqualität).
Teilzeit ist weder gut noch schlecht – es ist ein Instrument
Ein hoher Teilzeitanteil bedeutet zunächst nur, dass Arbeitszeit anders verteilt ist. Entscheidend ist nicht die Quote, sondern:
- Gesamtarbeitsvolumen (wie viele Stunden insgesamt geleistet werden)
- Produktivität pro Stunde
- Verfügbarkeit von Fachkräften in Schlüsselbereichen
Solange genügend Arbeitsstunden geleistet werden, ist Teilzeit kein strukturelles Problem.
Wo tatsächlich Probleme entstehen
a) Fachkräftemangel wird verschärft
In Bereichen wie Pflege, Bildung oder Verwaltung fehlen Stunden – nicht zwingend Köpfe.
Wenn viele Beschäftigte reduziert arbeiten, fehlen rechnerisch Vollzeitäquivalente.
b) Ungleichheit zwischen Männern und Frauen bleibt bestehen
Da Frauen überproportional in Teilzeit arbeiten, entstehen:
- geringere Einkommen
- niedrigere Rentenansprüche
- weniger Aufstiegschancen
Das ist kein Teilzeitproblem an sich, sondern ein Verteilungsproblem von Care-Arbeit.
c) Unfreiwillige Teilzeit ist ein echtes arbeitsmarktpolitisches Defizit
Vor allem im Handel und Gastgewerbe zeigt sich: Hier wollen Menschen mehr arbeiten, können aber nicht. Das ist ein klassisches Strukturproblem des Arbeitsmarktes.
Wo Teilzeit ausdrücklich sinnvoll ist
a) Vereinbarkeit von Familie und Beruf
Ohne Teilzeit würden viele – insbesondere Mütter – gar nicht arbeiten.
→ Teilzeit erhöht also in vielen Fällen die Erwerbsbeteiligung.
b) Anpassung an strukturellen Wandel
Dienstleistungsbranchen (Pflege, Soziales) funktionieren oft mit flexibleren Arbeitszeitmodellen.
→ Mehr Teilzeit ist hier eine Folge politisch gewollter Entwicklungen
c) Individuelle c)Lebensmodelle
Ein wachsender Anteil entscheidet sich bewusst für weniger Arbeitszeit.
→ Das ist Ausdruck eines gesellschaftlichen Wandels, kein Fehlverhalten.
Der eigentliche Kern des Problems
Die entscheidende Frage ist nicht: „Arbeiten zu viele in Teilzeit?“
Sondern: „Warum arbeiten Menschen in Teilzeit – und könnten sie anders, wenn sie wollten?“
Wenn die Gründe sind:
- fehlende Kinderbetreuung
- Pflegeverantwortung
- fehlende Vollzeitstellen
→ Dann hat die Politik ein Problem.
Wenn die Gründe sind:
- bewusste Entscheidung
- bessere Lebensbalance
- Weiterbildung
→ Dann ist Teilzeit kein Problem, sondern Ausdruck von Freiheit.
Deutschland hat kein Teilzeitproblem, sondern ein:
- Infrastrukturproblem (Betreuung, Pflege)
- Verteilungsproblem (Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen)
- Arbeitsmarktproblem in einzelnen Branchen (unfreiwillige Teilzeit)
Wer pauschal die Teilzeitquote kritisiert, greift analytisch zu kurz. Die Quote ist ein Symptom – nicht die Ursache.
Gesamtfazit
- Der Anstieg der Teilzeit ist kein monokausales Problem, das sich durch einfachen politischen Druck in Richtung Vollzeit „lösen“ lässt. Er ist das Ergebnis eines Zusammenspiels aus wirtschaftlichem Strukturwandel, ungleich verteilter Care-Arbeit, individuellen Präferenzen und in Teilen auch unfreiwilligen Beschäftigungsformen.
- Wer daraus politische Maßnahmen ableiten will, muss genau diese Differenzierung ernst nehmen – andernfalls bekämpft er Symptome, aber nicht die Ursachen.
Quellen:
- Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung
- https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2025/05/PD25_175_13.html
- https://www.demografie-portal.de/DE/Fakten/teilzeitarbeit-gruende.html
- https://www.destatis.de/DE/Themen/Arbeit/Arbeitsmarkt/Qualitaet-Arbeit/Dimension-3/unfreiwillig-teilzeitbeschaeftige.html






